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Freitag 8 Juni 2018

Wir brauchen mehr Bio-Gewissen

Wir brauchen mehr Bio-Gewissen

 

Von Dr. Leo Pruimboom und Fany Alayon

 

Einleitung

Unser heutiges Leben wird von zahlreichen neuen Risikofaktoren wie Luftverschmutzung, sitzender Lebensweise, Rauchen, Überernährung und aus der Nahrung stammenden Pestiziden und Herbiziden geprägt. Die meisten dieser „proximalen“ Risikofaktoren können wir durch – oft nur kleine – Verhaltensänderungen selbst beeinflussen. Wir könnten alle 30 Minuten eine Sitzunterbrechung mit körperlicher Aktivität einplanen, wir könnten mit dem Rauchen aufhören, weniger essen und die Aufnahme von Pestiziden durch Verwenden von Bio-Lebensmitteln verringern. Auch die Luftverschmutzung und andere Risikofaktoren, auf die wir als einzelne keinen direkten Einfluss haben, wie politische Spannungen, wirtschaftliche Schwierigkeiten und terroristische Bedrohungen können unsere Gesundheit beeinträchtigen, jedoch in deutlich geringerem Maße. Vielmehr können wir uns durch die Verwendung sogenannter „hormetischer Trigger“ (Sitzunterbrechungen, Bewegung, niedrige Mahlzeitenhäufigkeit) auch vor diesen anderen Risikofaktoren schützen, was die Bedeutung persönlicher Lebensstiländerungen für Gesundheit und Wohlbefinden noch stärker unterstreicht. Einer der schädlichsten Faktoren für die menschliche Gesundheit im Allgemeinen und für heranwachsende Kinder im Besonderen sind die in unseren Lebensmitteln enthaltenen Pestizide und Herbizide. Pestizide und Herbizide schaden allen menschlichen Organen, am meisten jedoch dem menschlichen Gehirn. Dieser Artikel befasst sich daher mit der aktuellen wissenschaftlichen Faktenlage zu 1. Pestizid- und Herbizidrückständen in unserer täglichen Nahrung, 2. Wegen, über die diese Rückstände ihre schädliche Wirkung ausüben und 3. Strategien, mit denen unsere Gesundheit und die Funktion unseres Gehirns durch möglichst weitgehende Umstellung auf Bio-Nahrung und Entfernung der in unserem Körper gespeicherten Toxine verbessert werden kann.

 

1. Pestizid- und Herbizidrückstände in der Nahrung

Pestizide können in verschiedenen Produktionsphasen in Obst und Gemüse gelangen. Einige Pestizide werden vor der Blüte, einige während des Wachstums und andere nach der Ernte eingesetzt. Daher können Pestizide in unterschiedlichen Bereichen von Pflanzen vorhanden sein. Nach der Ernte eingesetzte synthetische Pestizide sind die Hauptquelle für toxische Substanzen in Lebensmitteln.Herbizide gelangen aus dem Boden in die Pflanze, wobei sich die meisten Herbizide (Roundup) nicht auf die Pflanze selbst auswirken und daher von ihr ohne Schädigung „vertragen“ werden. Herbizide können daher in vielen Lebensmitteln auftreten, ohne dass die Pflanzen selbst darunter leiden. Jüngste Untersuchungen europäischer und amerikanischer Gesundheitsbehörden zeigen, dass fast 85 % der am häufigsten verzehrten Obst- oder Gemüsearten Pestizide enthalten. Insgesamt 10.000 Proben zeigten eine Kontaminationsrate von 82 % bei Obst und 62 % bei Gemüse; 97 % aller Äpfel, 83 % aller Trauben, 60 % aller Tomaten, 57 % aller Pilze und 52 % aller Pflaumen enthalten Pestizide. Das erstaunlichste Ergebnis dieser Untersuchungen ist, dass Chlorpyrifos den enthaltenen Mengen nach auf Platz 4 aller in Lebensmitteln anzutreffenden Pestizide rangiert.

 

Dass Chlorpyrifos eine schädliche Wirkung auf das sich entwickelnde Gehirn ausübt, ist kaum überraschend, da diese Substanz ursprünglich als chemischer Kampfstoff entwickelt wurde, der die Neurotransmitter im Körper lähmen soll. Im Zweiten Weltkrieg erstmalig als Nervengas eingesetzt, wurden Organophosphate später von Chemieunternehmen als Insektizide und andere Pestizide weiterverwendet. Chlorpyrifos enthält Organophosphate mit breiter schädigender Wirkung auf das Gehirn. Zu den möglichen Hirnschäden zählen der Verlust des Denkvermögens, Hyperaktivität, Gedächtnisverlust, Aggression und Verformung der Frontallappen. Letzteres ist besonders gefährlich, da dieser Teil des Gehirns die Exekutivfunktionen unterstützt: Dabei handelt es sich um äußerst wichtige mentale Fähigkeiten, die es dem Menschen ermöglichen, Aufgaben zu planen, zu organisieren und zu erledigen. Tatsächlich errechnet eine Studie (die von einer Bevölkerungszahl von 25,5 Millionen Kindern im Alter von 0 bis 5 Jahren in den Vereinigten Staaten ausgeht) einen Gesamtverlust von 16,9 Millionen IQ-Punkten aufgrund von Schädigungen durch Organophosphate, von denen Chlorpyrifos das am häufigsten verwendete ist.Eine weitere Studie an Krokodilen in Costa Rica zeigte, dass die in der Nähe von Bananenplantagen lebenden Tiere kleiner waren, ihr Körpergewicht um 50 % verringert und ihre Lebenserwartung deutlich reduziert war. Bananen zählen zu den am stärksten kontaminierten Nutzpflanzen. Die beiden häufigsten in Bananen anzutreffenden Pestizide sind Thiabendazol (in 63 % aller Bananen) und Imazalil (in 23 %). Das größte Problem bei Bananenpestiziden ist, dass sie in die Frucht selbst eindringen und nicht nur in der Schale bleiben.

 

Alles in allem ist die Kontamination von Obst und Gemüse allgegenwärtig und die betreffenden Substanzen können hinsichtlich der Entwicklung und Funktion vieler Organe des menschlichen Körpers hochtoxisch sein. Kinder sind aufgrund ihrer kleineren Körper, ihres ständigen Wachstums und ihrer schnellerer Atmung am stärksten gefährdet. In der Mehrzahl der Fälle überschreiten die Konzentrationen nicht die gesetzlich festgelegten Grenzwerte. Diese „sicheren Grenzwerte“ unterschätzen jedoch möglicherweise das tatsächliche Gesundheitsrisiko, das entsteht, wenn unter realen Lebensbedingungen zwei oder mehr chemische Substanzen gleichzeitig aufgenommen werden und gegebenenfalls synergistische Effekte auftreten. Auch in der menschlichen Muttermilch wurden Pestizidrückstände nachgewiesen und es bestehen Bedenken hinsichtlich der pränatalen Exposition und gesundheitlichen Auswirkungen bei Kindern.

 

2. Wege, über die Pestizide und Herbizide ihre schädlichen Wirkungen ausüben

Allgemein werden Pestizide mit gesundheitlichen Auswirkungen wie endokrinen Störungen, Beeinträchtigungen der Embryonalentwicklung, Störungen des Fettstoffwechsels und hämatologischen und hepatischen Veränderungen assoziiert. Organophosphate, von denen Glyphosat am häufigsten auftritt, wurden in Studien mit Auswirkungen auf die Funktion der Cholinesterase-Enzyme, Abnahme der Insulinsekretion, Beeinträchtigungen des normalen Zellstoffwechsels von Proteinen, Kohlenhydraten und Fetten sowie mit genotoxischen Wirkungen und Auswirkungen auf die mitochondriale Funktion in Verbindung gebracht – Faktoren, die zellulären oxidativen Stress und Störungen des Nerven- und Hormonsystem verursachen. 

 

Populationsbasierte Studien haben mögliche Zusammenhänge zwischen der Exposition gegenüber Organphosphor-Pestiziden und schwerwiegenden gesundheitlichen Auswirkungen einschließlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen, negativen Auswirkungen auf das männliche Fortpflanzungssystem und das Nervensystem, Demenz sowie einem möglichen erhöhten Risiko für das Non-Hodgkin-Lymphom aufgezeigt. Weiterhin wurde die pränatale Exposition gegenüber Organophosphaten mit einer verkürzten Schwangerschaftsdauer und neurologischen Störungen bei Kindern korreliert.Glyphosat, dessen Sicherheit Gegenstand einer anhaltenden wissenschaftlichen Kontroverse ist, wird heute in der Landwirtschaft am häufigsten als Herbizid eingesetzt, insbesondere seit der Einführung von Glyphosat-toleranten gentechnisch veränderten Kulturen wie bestimmten Soja- und Maissorten. Sein extensiver Einsatz beim Anbau gentechnisch veränderter Sojapflanzen hat zu Bedenken hinsichtlich möglicher synergistischer östrogener Effekte geführt, die bei einer gleichzeitigen Exposition gegenüber Glyphosat und dem Phytoöstrogen Genistein, einem in Sojabohnen und Sojaprodukten häufig vorkommenden Isoflavon, auftreten könnten. Glyphosat kann endokrin störende Aktivitäten zeigen, menschliche Erythrozyten in vitro beeinträchtigen und in der Haut von Mäusen Karzinogenität fördern. Weiterhin gilt es als Verursacher extremer Störungen des Shikimatwegs, der für Pflanzen und Bakterien – auch für menschliche Darmbakterien – wichtig ist. Eine solche Störung kann gegebenenfalls die Versorgung des menschlichen Organismus mit essenziellen Aminosäuren beeinträchtigen. Kommerzielle Glyphosat-Präparate gelten als giftiger als der Wirkstoff allein. Glyphosat-basierte Herbizide wie das bekannte Roundup können DNA-Schäden verursachen und als endokrine Disruptoren in menschlichen Zelllinien und in Hodenzellen der Ratte wirken, Schäden an kultivierten menschlichen Hautzellen verursachen und den Zelltod in den Hodenzellen von Versuchstieren fördern. Es liegen auch Hinweise auf ihre mögliche Fähigkeit, das Cytoskelett und den intrazellulären Transport zu beeinflussen, vor. Eine aktuelle Studie hat den möglichen Zusammenhang zwischen Glyphosat, gentechnisch veränderten Pflanzen und negativen gesundheitlichen Auswirkungen in den USA untersucht. Korrelationsanalysen gaben Anlass zu Bedenken hinsichtlich möglicher Zusammenhänge zwischen Glyphosateinsatz und verschiedenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Schlaganfall, Autismus, Nierenversagen, Parkinson- und Alzheimer-Krankheiten und Krebs. Weiterhin bestehen Bedenken hinsichtlich der möglichen Eigenschaft von Glyphosat, eine Glutenunverträglichkeit hervorrufen zu können, eine gesundheitliche Störung, die mit Defiziten an essenziellen Spurenmetallen, Fortpflanzungsproblemen und einem erhöhten Risiko, an einem Non-Hodgkin-Lymphom zu erkranken, assoziiert ist.

 

Allgemeinverständlicher ausgedrückt: Häufig verwendete Pestizide und Herbizide können Hirnschäden, Krebs, Gedächtnisstörungen, hyperaktives Verhalten, Verlust der Lernfähigkeit, Aggressionen, Lungenerkrankungen, Übergewicht, Diabetes, Alzheimer, Parkinson, Autismus und Niereninsuffizienz verursachen.

 

3. Strategien, mit denen unsere Gesundheit und die Funktion unseres Gehirns durch möglichst weitgehende Umstellung auf Bio-Nahrung und Entfernung der in unserem Körper gespeicherter Toxine verbessert werden kann.

Es erscheint offensichtlich, dass Nicht-Bio-Lebensmittel die Gesundheit der Menschen in der Tat weltweit gefährden. In der medizinischen Fachwelt gilt seit langem als gesichert, dass Kinder gegebenenfalls empfindlicher als Erwachsene reagieren, wenn sie einer adäquaten Exposition gegenüber Medikamenten oder anderen medizinischen Mitteln ausgesetzt sind. Die altersbedingten Unterschiede in der Empfindlichkeit gegenüber Chemikalien und die besondere Empfindlichkeit von Kleinkindern sind Ausdruck der heiklen Prozesse, die mit der Organentwicklung und dem Mangel an physiologischer Reife einhergehen. Weiterhin bestehen altersbedingte Unterschiede bei der Aufnahme von Chemikalien aus der Umwelt: In Relation zu ihrem Körpergewicht nehmen Kinder mehr Nahrung auf und trinken mehr Wasser als Erwachsene – beides mögliche Expositionsquellen. Kinder atmen schneller und nehmen daher mehr Luftschadstoffe pro Kilogramm auf als Erwachsene. Die Dokumentation der Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen ist ein integraler Bestandteil der Beurteilung der Sicherheit von Arzneimitteln durch die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA. Es erscheint sinnvoll, diesen Ansatz auch auf die Bestimmung der Sicherheit von nicht-medizinischen Umweltchemikalien anzuwenden.

 

Allgemeine Empfehlungen, wie man die Aufnahme von Pestiziden und Herbiziden, die sich auf Lebensmitteln befinden, verringern kann, beinhalten das Waschen der Schale (vor dem Schälen!), dem Entfernen der Schale und das Erhitzen. Die im Obst und Gemüse selbst befindlichen Pestizide werden auf diese Weise jedoch nicht entfernt. Der einzig mögliche Weg, Menschen und insbesondere Kinder wirklich zu schützen, besteht in der Verwendung von Bio-Lebensmitteln. Eine aktuelle Studie (n = 4400 Teilnehmer) hat gezeigt, dass die ständige Verwendung von Bio-Lebensmitteln bereits in einem relativ kurzen Zeitraum die Menge der im menschlichen Körper vorhandenen Pestizide um mehr als 65 % reduziert. Bei einer langfristigen Anwendung stellte sich eine noch größere Wirkung ein und sowohl kurze als auch lange Zeiträume der Verwendung von Bio-Lebensmitteln waren mit einem besseren Gesundheitszustand und einer besseren Gehirnfunktion verbunden.

 

Schlussfolgerung

Die Europäische Kommission für Gesundheit und die US-Umweltschutzbehörde (EPA) hatten bis vor etwa einem Monat das Vorhaben verfolgt, die Verwendung einer ganzen Reihe von Pestiziden bei verschiedenen Nahrungsmitteln zu verbieten. Dann jedoch entschied Donald Trump, die Grenzwerte für den Einsatz von Pestiziden und Herbiziden in der Landwirtschaft aufzuheben. Die deutsche Bundesregierung befürwortet einen Antrag, demzufolge die Anwendung von Roundup für fünf weitere Jahre zugelassen werden soll. Solche Entscheidungen führen dazu, dass unsere Nahrung zukünftig noch stärker belastet wird und unsere Kinder, die Umwelt und wir selbst noch stärker gefährdet werden.

 

Literatur

1. Curl et al, Estimating Pesticide Exposure from Dietary Intake and Organic Food Choices: The Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis (MESA), Environmental Health Perspectives 2015, vol. 123, no 5
2. Grant et al, Pesticides in Blood from Spectacled Caiman (Caiman Crocodilus) Downstream of Banana Plantations in Costa Rica, Environmental Toxicology and Chemistry 2013, vol. 32, no. 11, pp. 2576–2583
3. Kruvea et al, Pesticide Residues in Commercially Available Oranges and Evaluation of Potential Washing Methods, Proc. Estonian Acad. Sci. Chem. 2007, 56, 3, 134–141
4. https://moniquevandervloed.nl/pesticiden-op-bananen-hoe-erg-is-het-eigenlijk/
5.https://articles.mercola.com/sites/articles/archive/2018/01/16/pesticide-residues-in-fresh-produce.aspx
6. Rauh V.A., Polluting Developing Brains — EPA Failure on Chlorpyrifos, N. Engl. J. Med. 378; 13, nejm.org 2018
7. Stamati et al, Chemical Pesticides and Human Health: The Urgent Need for a New Concept in Agriculture, Frontiers in Public Health, 2016, vol. 4, article 148